Mitten in der Region steckt mehr, als man denkt
Die zentrale Lage in der Metropolregion FrankfurtRheinMain ist längst nicht das Einzige, was unser Dekanatsgebiet besonders macht. Zwischen vertrauten Ortsnamen und alltäglichen Wegen verbergen sich erstaunliche Geschichten, ungewöhnliche Rekorde und überraschende Verbindungen zur großen Welt. Unsere Sammlung zeigt, wie viel es direkt vor der Haustür zu entdecken gibt – und liefert reichlich Gesprächsstoff zum Weitererzählen. Fortsetzung ausdrücklich möglich.
1. Die richtige Zeit kommt aus dem Mainflinger Wald
Wenn sich eine Funkuhr von selbst richtig stellt, hat sie womöglich gerade Post aus unserer Region bekommen. Der Sender DCF77 in Mainflingen verbreitet die gesetzliche deutsche Zeit, die von der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt bereitgestellt wird. Sein Signal erreicht Funkuhren weit über die Landesgrenzen hinaus. Pünktlichkeit können wir also zumindest technisch.
2. Europas ältestes nachgewiesenes Blau stammt aus Dietesheim
Schon vor mehr als 40.000 Jahren waren Neandertaler am Gailenberg bei Mühlheim-Dietesheim unterwegs und stellten dort Steinwerkzeuge her. Viel später, vor rund 13.000 Jahren, machten hier Jäger und Sammler Station. Von ihrem Lagerplatz blieben Spuren einer Behausung, eine Feuerstelle und Steinwerkzeuge erhalten – und ein unscheinbarer Stein mit einer besonderen Überraschung: Er trägt den bislang frühesten bekannten Nachweis der Verwendung blauen Pigments in Europa.
Entdeckt wurde das Fundstück bereits in den 1970er-Jahren. Seine farbige Bedeutung gab es erst Jahrzehnte später preis. Heute lässt sich die Gegend auch ganz ohne archäologischen Spürsinn genießen: Rund um die Dietesheimer Steinbrüche bilden Seen, schroffe Felswände und viel Grün ein wunderschönes Naherholungsgebiet.
3. In Neu-Isenburg war Deutsch lange nicht die Amtssprache
Neu-Isenburg wurde 1699 für französische Glaubensflüchtlinge gegründet. Hugenotten und Waldenser prägten das Leben der jungen Siedlung – auch sprachlich: Erst 1829 löste Deutsch das Französische als offizielle Amtssprache ab. Die internationalen Wurzeln unserer Region sind also keine neue Entwicklung – und ihre Geschichte ist eng mit der Suche nach Glaubensfreiheit verbunden.
4. Deutschlands erstes Autokino steht in Gravenbruch
Film ab, ohne auszusteigen: Am 31. März 1960 eröffnete in Gravenbruch das erste Autokino Deutschlands. Während anderswo noch ausschließlich die Sitzreihen aufgeklappt wurden, rollte hier das Publikum bereits mit dem eigenen Kinosessel vor. Das Autokino gehört bis heute zu den besonderen Kulturorten der Region.
5. Ein Luther-Schüler mit scharfer Zunge
Erasmus Alberus predigte in Sprendlingen und schrieb Fabeln: Der Schüler Martin Luthers war zugleich Reformator, Dichter und ein Mann mit scharfer Zunge. Von 1528 bis 1539 wirkte er hier als Pfarrer und prägte die Reformation der Dreieich. Sein Weg führte ihn aber weit darüber hinaus, unter anderem nach Staden und Babenhausen. In seinen Fabeln verarbeitete er eigene Erlebnisse und die heimische Landschaft. Reformationsgeschichte spielt eben nicht nur in Wittenberg.
6. Hinter Freuds „Anna O.“ steckt eine Neu-Isenburger Sozialpionierin
Als „Anna O.“ ging die junge Bertha Pappenheim in die Geschichte der Psychoanalyse ein: Josef Breuer behandelte sie Anfang der 1880er-Jahre und veröffentlichte ihre Fallgeschichte 1895 gemeinsam mit Sigmund Freud in den „Studien über Hysterie“.
Ihr späteres Lebenswerk schrieb sie selbst: Als jüdische Frauenrechtlerin und Sozialreformerin kämpfte sie gegen Menschenhandel und die Ausbeutung von Mädchen und Frauen und gründete 1904 den Jüdischen Frauenbund mit. In Neu-Isenburg eröffnete sie 1907 ein Heim für gefährdete jüdische Mädchen und Frauen, darunter unverheiratete Mütter mit ihren Kindern. Es bot Schutz, Bildung und Ausbildung – und stellte sich gegen die gesellschaftliche Ausgrenzung dieser Frauen.
Pappenheim leitete das Heim bis zu ihrem Tod 1936; unter nationalsozialistischer Herrschaft wurde es 1942 zwangsweise geschlossen. Heute erinnert die Seminar- und Gedenkstätte Bertha Pappenheim an ihr Wirken.
7. Tornados gibt es nicht nur in Übersee
Auch durch unsere Region zog schon vor rund 250 Jahren ein zerstörerischer Wirbelsturm: 1774 verwüstete er Götzenhain und beschädigte die alte Kirche so schwer, dass sie abgerissen werden musste. Die Gemeinde feierte ihre Gottesdienste vorübergehend im Brauhaus, während die Glocken weiterhin vom alten Kirchturm riefen. Bereits 1775 begann der Bau der heutigen Kirche.
8. In Langen fließt (manchmal) Apfelwein aus dem Brunnen
Wasser kann schließlich jeder: Beim Langener Ebbelwoifest am letzten Juni-Wochenende kommt aus dem historischen Vierröhrenbrunnen tatsächlich Apfelwein. Rund um den Brunnen feiert die Stadt ihr „Stöffche“ – und ein ganz gewöhnliches Wasserspiel wird für ein paar Tage zur ziemlich hessischen Angelegenheit.
9. Die Bergstraße reicht bis Dietzenbach
Auf dem Dietzenbacher Wingertsberg wachsen tatsächlich Weinreben. Der kleine Weinberg gehört zum Anbaugebiet Hessische Bergstraße – obwohl die auf der Landkarte ein gutes Stück entfernt liegt.
Mit 198 Metern ist der Wingertsberg außerdem die zweithöchste Erhebung des Kreises Offenbach. Die höchste liegt gleich in der Nachbarschaft: der 216 Meter hohe Hexenberg. Dietzenbach kann also Weinbau und Gipfeltreffen.
10. Eine kleine Kirche in Seligenstadt schrieb Hilfswerks-geschichte
Die Evangelische Kirche am Seligenstädter Obertor wurde 1847 eingeweiht. Sie gilt als erste Kirche Deutschlands, deren Bau der damalige Gustav-Adolf-Verein zu großen Teilen finanzierte. Die örtliche Gemeinde zählte wenige Jahre zuvor gerade einmal 136 Mitglieder. Dass aus einer kleinen Gemeinschaft mit Unterstützung anderer etwas Bleibendes entstehen kann, lässt sich hier bis heute besichtigen.
11. Kleiner Ort, großer Flugverkehr: Egelsbach hebt ab
Bei den Stichwörtern "Flughafen" und "RheinMain" denken fast alle zuerst an Frankfurt. Dabei hat auch Egelsbach einen Spitzenplatz: Hier liegt Deutschlands verkehrsreichster "Verkehrslandeplatz". Mehr als 80.000 Starts und Landungen pro Jahr nennt der Betreiber. Statt großer Ferienflieger sind hier vor allem kleinere Geschäfts- und Privatflugzeuge unterwegs; auch Flugschulen und Vereine nutzen den Platz. Angefangen hat das Ganze 1955 mit einer Graspiste, die den schönen Spitznamen „Texaspiste“ trug. Ein bisschen Wilder Westen zwischen Langen und Darmstadt.