„Avanti Galoppi“ Richtung Berlin: Pfarrerin Sabine Beyer sagt „Adieu“

„Avanti Galoppi“ Richtung Berlin: Pfarrerin Sabine Beyer sagt „Adieu“

„Avanti Galoppi“ Richtung Berlin: Pfarrerin Sabine Beyer sagt „Adieu“

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„Avanti Galoppi“ Richtung Berlin: Pfarrerin Sabine Beyer sagt „Adieu“

15 Jahre Emmausgemeinde Jügesheim gingen am Sonntag für Pfarrerin Sabine Beyer zu Ende – mit einem großen Abschiedsgottesdienst, einem Empfang voller persönlicher Erinnerungen und vielen Menschen, die ihr ein Stück des Weges verbunden waren. Zum 1. September wechselt die 58-Jährige nach Berlin und Potsdam und übernimmt dort die Pfarrstelle zweier französisch-reformierter Gemeinden. Dass sie auch diesem Neuanfang mit Schwung entgegengeht, passt zu einem Ausruf, den wohl alle kennen, die mit ihr zu tun hatten: „Avanti Galoppi!“

Eine Fotocollage zeigt Szenen eines Abschiedsgottesdienstes mit Pfarrerinnen und Pfarrern, Gemeindemitgliedern, Chor, Geschenken und Blumen.
© kf

Ausgerechnet diese zwei Worte mit einem herzlichen „Adieu“ setzte Sabine Beyer auch ans Ende ihrer letzten Predigt als Jügesheimer Gemeindepfarrerin. Sie passten zu einem Abschied, bei dem neben aller Wehmut immer wieder durchblitzte, was Weggefährt*innen an der Geistlichen schätzen: ihren Elan, ihren trockenen Humor, ihre Lust am Gestalten – und vor allem ihren Blick für die Menschen. Nicht zufällig stellte Kirchenvorstandsvorsitzende Corinna Jäger später augenzwinkernd die Frage, ob die Berliner bei diesem Tempo eigentlich mithalten können.

Engagiert weit über Emmaus hinaus

Wie weit Sabine Beyers Wirken über Jügesheim hinausreichte, zeigte sich schon bei ihrer Begrüßung. Vor ihr saßen nicht nur Gemeindemitglieder, sondern Menschen aus ihrer Heimatstadt Dietzenbach, aus dem Nachbarschaftsraum Rodgau-Rödermark und dem Dekanat Dreieich-Rodgau sowie Weggefährt*innen aus der Notfallseelsorge, die sie mehrere Jahre als evangelische Beauftragte koordinierte. Auch auf Dekanatsebene übernahm die Pfarrerin Verantwortung: Als Mitglied des Dekanatssynodalvorstands wirkte sie in der Leitung des Kirchenkreises mit. So wurde aus Gottesdienst und Empfang zugleich ein kleines facettenreiches und vielfarbiges Panorama.

Fester Grund für bewegte Zeiten

In ihrer Abschiedspredigt erinnerte Sabine Beyer an vieles, was 15 gemeinsame Jahre geprägt hatte: Konfi-Tage und Gemeindefeste, ökumenische Osternächte und Schulgottesdienste, Corona-Zeit, Notfallseelsorge und Hospizbesuche. Im Mittelpunkt stand für sie aber nicht die Bilanz, sondern die Frage, was trägt, wenn Vertrautes sich verändert. „Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist in Christus“, zitierte sie Paulus. Die Antwort auf Zukunftssorgen sei bis heute aktuell: Das gemeinsame Fundament des Glaubens bleibt.

Darauf bauen für Sabine Beyer vor allem Menschen. Ohne Mitarbeitende werde „gar nix gebaut“, sagte sie mit Blick auf all das, was in Emmaus gewachsen ist. „Ihr seid die Besten! Bleibt bitte dabei!“, gab sie ihrem Kirchenvorstand mit auf den Weg. Denn Traditionsabbrüche und Vereinzelung würden weitergehen – umso wichtiger sei es, zu fragen, was Menschen brauchen und was Kirche ihnen bieten könne.

Und noch einen Gedanken des Paulus nahm die Pfarrerin mit in den Abschied: sich Gott und seiner Gemeinde anzuvertrauen und sich und anderen "die Schrift zu öffnen". „Dann bewahren wir nicht nur Gottes Wort“, formulierte Sabine Beyer, „dann bewahrt Gottes Wort auch uns.“ „Nahbar, gut organisiert, mit Herz und Verstand“

Gastfreundliche Gemeinde mit tief verbundenen Mitgliedern

Dekan Steffen Held erinnerte bei der Entpflichtung daran, wie eng Sabine Beyers beruflicher Weg mit Jügesheim verbunden ist. In der Emmausgemeinde absolvierte sie ihr Vikariat, hier wurde sie im Juli 2013 ordiniert und trat zunächst einen halben Dienstauftrag an der Seite von Pfarrer Axel Mittelstädt an. 2017 kam die Notfallseelsorge als zweites großes Arbeitsfeld hinzu. Gut vier Jahre später übernahm die passionierte Seelsorgerin die volle Stelle in der Jügesheimer Gemeinde.

Vieles habe die Pfarrerin in Jügesheim und darüber hinaus „gestemmt und auf den Weg gebracht“, würdigte Held ihr Engagement: etwa das neu gegründete Familienzentrum, Familienfreizeiten und Studienfahrten. Die Emmausgemeinde habe sie erhalten und zugleich weiterentwickelt – als untereinander verbundene, offene und gastfreundliche Gemeinde, die sich konstruktiv in den Nachbarschaftsraum einbringe.

Power, Elan und der direkte Draht

Noch persönlicher fiel der Rückblick von Corinna Jäger aus. 15 Jahre Weggemeinschaft seien schließlich genug Zeit gewesen, um Sabine Beyers „Souveränität, Power und Elan“ kennenzulernen. Bei aller organisatorischen Stärke habe die Pfarrerin aber vor allem die Menschen im Blick gehabt – als „von ganzem Herzen einfühlsame Seelsorgerin“. Gerade die Arbeit mit Menschen aller Generationen sei ihr wichtig gewesen - so sehr, dass die Geistliche für die Kinder- und Jugendarbeit und die Seniorennachmittage sogar noch einmal Klavierunterricht genommen hatte.

Besonders eng wurde die Zusammenarbeit zwischen Pfarrerin und Kirchenvorstandsvorsitzender in den vergangenen fünf Jahren, in denen sie beide den Vorsitz in der Gemeindeleitung übernommen hatten. Die Herausforderungen durch die Corona-Pandemie und die Neuordnung der kirchlichen Landschaft im Zuge des Transformationsporzesses ekhn2030 hätten beiden viel abverlangt, erinnerte Corinna Jäger – samt spätabendlicher Telefonate und direktem Messenger-Draht für die schnelle Absprache zwischendurch.

Dass sich Gemeinde für sie nie auf die eigenen vier Wände beschränkte, würdigte auch Rodgaus Bürgermeister Max Breitenbach: Für das sozialräumliche Engagement von Kita und Familienzentrum überreichte er Sabine Beyer eine Urkunde der Stadt – die Gemeinde zeigte darüber hinaus etwa beim Stadtradeln und bei Demonstrationen gegen Corona-Proteste und den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine öffentlich Flagge.

Goldener Segen und wehende Taschentücher

Dass die Emmausgemeinde ihre Pfarrerin nur ungern ziehen lässt, machten auch die Kinder der Kita deutlich. Sie hüllten Sabine Beyer symbolisch in Gottes goldenen Segen, überreichten einen bunten Strauß Wunschblumen und legten ihr einen symbolischen Weg von Rodgau nach Berlin. Beim Auszug aus dem Gottesdienst wartete schließlich ein Spalier mit vielen wehenden Abschiedstaschentüchern.

Für den musikalischen Rahmen sorgten Michael Jäger an Orgel und E-Piano, Sängerin Linda Kleinsorge, Torsten Irion an der Trompete und der Emmaus-Chor unter Leitung von René Frank.

Beim anschließenden Empfang überbrachten Präses Dr. Michael Grevel, Kolleg*innen aus dem Nachbarschaftsraum Rodgau-Rödermark, die katholische Gemeindereferentin Caecilia Hickl und Pfarrer Uwe Handschuch aus der Steinberger Martin-Luther-Gemeinde ihre Grüße. Der Kirchenvorstand verabschiedete seine Pfarrerin mit einem Danke-Ständchen. Für den Start in der Hauptstadt gab es außerdem jede Menge Gutscheine und Reisetipps, um neben der neuen Gemeinde auch die Berliner Kulturszene zu erkunden.

Frankreich zieht sich durch ihre Biografie

Dass es Sabine Beyer ausgerechnet zu den Französisch-Reformierten nach Berlin und Potsdam zieht, ist weniger überraschend, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Die 1967 in Frankfurt geborene Pfarrerin wuchs nach eigener Beschreibung in einer „frankophilen Kaufmanns-Familie“ auf. Sie studierte zeitweise in Paris und lernte später bei Urlaubsvertretungen französischsprachiges Gemeindeleben kennen. Ihr Berufsweg führte zunächst allerdings in die Finanzbranche. Erst 2001 entschied sich die zweifache Mutter für das Theologiestudium.

Zwei Gemeinden sollen eine werden

Nun übernimmt sie eine Pfarrstelle mit besonderer Geschichte. Die Französische Kirche zu Berlin und die Französisch-Reformierte Gemeinde Potsdam sind zwei reformierte Personalgemeinden hugenottischer Tradition. Anders als klassische Ortsgemeinden haben sie kein abgegrenztes Gemeindegebiet; ihre Mitglieder leben über Berlin und Potsdam verteilt. Die bislang eigenständigen Gemeinden wollen sich zusammenschließen – und Sabine Beyer soll diesen Weg als Pfarrerin mitgestalten.

Die neue Aufgabe knüpft damit durchaus an Erfahrungen aus den vergangenen Jahren an. Auch im Rodgau hat die Pfarrerin intensiv daran mitgearbeitet, wie Gemeinden enger zusammenrücken und trotz unterschiedlicher Geschichten und Identitäten gemeinsam Kirche gestalten können.

Das Zuhause der Berliner Gemeinde ist die Französische Friedrichstadtkirche am Gendarmenmarkt im Gebäudekomplex des Französischen Doms. Sabine Beyers neues Amtszimmer und Büro befindet sich dort im fünften Stock. In Potsdam bildet die Französische Kirche am Bassinplatz das Zentrum.

Von der Berliner Straße an den Gendarmenmarkt ist es ein gutes Stück. Die Aufgabe, Menschen und Gemeinden miteinander ins Gespräch und gemeinsam auf den Weg zu bringen, reist allerdings mit. Und für alles andere gilt ab 1. September wohl: Avanti Galoppi!

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